Optikerlehre anno 1920

Wie schon das alte Sprichwort sagt: “Lehrjahre sind keine Herrenjahre”. Dies galt “früher” sicher noch mehr als heute, doch hat es seine Wahrheit auch in der heutigen Zeit behalten. In der Folge einige Auszüge aus dem 1920 erschienen Buch: Handbuch der Optik – Der perfekte Optiker. Sein Ausbildungsgang in Theorie und Praxis für alle Zweige seines Berufes. Berlin 1920.

Ohne Zweifel bringt man heute der planmäßigen Ausbildung unseres Nachwuchses ein weitaus größeres Interesse entgegen als vor 10 Jahren. Wir können versuchen das Werkzeug dem Lehrling lieb und wert erscheinen zu lassen. Soll es doch dem Lehrlinge bei seinem Eintritt ins Berufsleben der erste Freund sein und das erste Glied bilden, das den jungen Mann an den Beruf fesselt.

Optikerwerkstätte um 1920
Optikerwerkstätte um 1920

Der Lehrling ist seinem Prinzipal zu unbedingter Treue verpflichtet. Er ist weiterhin zum Gehorsam verpflichtet, und zwar nicht nur seinem Prinzipale gegenüber, sondern auch dessen Vertreter. Über die Dauer der Lehrzeit, der Höhe des zu zahlenden Lehrgeldes usw. wird zwischen dem Geschäftsherrn und dem gesetzlichen Vertreter des Lehrlings (Vater, Vormund) zweckmäßig ein Vertrag (Lehrvertrag, Lehrkontrakt) abgeschlossen.

Schleifstein_1920

Der Schleifstein ist dasjenige Arbeitsgerät, an dem der Lehrling in der Regel seine Tätigkeit beginnt. Die Pflege des Schleifsteins nimmt die ganz besondere Aufmerksamkeit des Lehrlings in Anspruch. Die Wartung wird in der Regel dem neu eingetretenen Lehrlinge übertragen, der durch peinliche Ausführung derselben zeigen kann, daß er bestrebt ist, alle ihm übertragenen Pflichten, auch die weniger angenehmen, gewissenhaft zu erfüllen.Im Wasser laufende Steine müssen täglich nach Betriebsschluß gründlich gereinigt werden, indem man den Stein aus dem Troge hebt und letzteren unter der Wasserleitung vollkommen rein ausspült.Je nach seiner Härte wird der Schleifstein nach einer kürzeren oder längeren Benutzungsdauer unrund, “er schlägt” oder es bilden sich auf der Schleiffläche Löcher oder gar ausgeschliffene Rinnen. Der Lehrling muß es sich zur Regel machen, dem ihn anvertrauten Schleifstein sofort abzudrehen, so wie er eine einzige schlechte Stelle an ihm bemerkt. Es sei hier noch bemerkt, daß es wohl kaum einen Stein gibt, der durch und durch fehlerfrei ist. “Schlechte Stellen” im Stein setzen sich oft bis zu seinem Mittelpunkte fort. Der gewissenhafte Lehrling muß die Fehler seines Steines stets nennen können.

Nach abgeschlossener Optikerlehre konnte der Lehrling zur Gesellenprüfung antreten. Die dabei geforderten Werkstattfähigkeiten waren durchwegs beeindruckend. Im Nachfolgenden finden sich die Kenntnisse, die ein Lehrling haben musste um Gehilfe (Geselle) zu werden.

Gesellen-Prüfungsordnung für das Optiker-Gewerbe (Stand 1908)

A. OBLIGATORISCH

G e h i l f e n s t ü c k e

1. Anfertigung einer Brille der nachbenannten Arten (nach Wahl)

  1. Anfertigung einer Brille ohne Rand, sogenannte Wiener Brille mit kombinierten Gläsern. Die hierzu anzuwendende Garnitur soll der zu Prüfende aus ihm zur Verfügung gestellten Lagerbeständen nach Angabe des Prüfungsausschusses auswählen. Ebenso soll der Prüfling die ihm für die Brille übergebenen Gläser in der Schleifart und in den Nummern bestimmen. Hierauf erst wird demselben zur Anfertigung der Brille das Rezept übergeben.
  2. Eine pantoskopische Metallbrille mit kombinierten Gläsern versehen. Die übrigen Bestimmungen wie unter a).
  3. Einsetzen von halbierten Gläsern in eine Brillenfassung (sogenannte Franklinsche oder Doppelfokusbrille mit kombinierten Gläsern). Die übrigen Bestimmungen wie unter a).
  4. Eine Metallnutenbrille mit kombinierten Gläsern versehen. Die übrigen Bestimmungen wie unter a).

2. Der Prüfling soll einem Kunden eine Brille und einem Kneifer anpassen und die Fassungen mit spärischen Gläsern versehen.

R e p a r a t u r e n    a n    A u g e n g l ä s e r f a s s u n g e n

Von den nachbenannten Reparaturen hat der Prüfling drei vom Prüfungsausschuß zu wählende Arbeiten zu liefern:

  1. Anlöten von Backen, Scharnieren, Nasenstegen an Fassungen in edlen und unedlen Metallen.
  2. Schildpattstege aufsetzen an Kneifern und Brillen.
  3. Augenlidhalter ansetzen.
  4. Einsetzen von Gläsern in Schildpatt, Horn, Kautschuk oder Zelloloid-Fassungen.
  5. Kitten von Bifokalgläsern.
  6. Gewindeschneiden und Auswählen passender Schrauben.

B e h a n d l u n g    u n d    R e p a r a t u r    v o n   G e g e n s t ä n d e n,    w e l c h e    i n    o p t i s c h e n
G e s c h ä f t e n    g e f ü h r t    w e r d e n :

  1. Operngläser individuell durch Vorsetzen von Gläsern den Augen anpassen.
  2. Achromatische Linsen kitten.
  3. Justieren von binokularen Perspektiven galliläischer Konstruktion.
  4. Einstellen und Reinigen von Mikroskopen bis zu 300maliger linearer Vergrößerung.
  5. Einstellen und Reinigen von Fernrohren.
  6. Reißfedern und Zirkel anschleifen und justieren.
  7. Thermometerröhren aufbinden.
  8. Quecksilberthermometer reparieren.

T h e o r e t i s c h e    K e n n t n i s s e

  1. Lehre vom anatomischen Bau des Auges und den Anomalien, soweit sie für den Optiker in Betracht kommen.
  2. Die Wirkung der optischen Linsen und Spiegel.
  3. Die Bedeutung dieser Wirkung der Linsen zur Korrektion des fehlerhaften Auges.
  4. Die Lehre von den verschiedenen Gestellen der Brillen, Kneifer und Lorgnetten.
  5. Kenntnis der wichtigsten physikalischen Gesetze, insbesondere soweit sie für den Optiker eine praktische Bedeutung haben, als:
    Die Lehre vom Licht,
    Die Lehre von der Wärme,
    Meteorologie.
  6. Die Funktionsweise der von den Optikern geführten Waren.
  7. Eine kurze Geschichte, resp. der Entwicklungsgang der wichtigsten optischen Instrumente.
  8. Materialkunde, Eigenschaften, Verwendung, Wert, etc.

B. FAKULTATIV

B e h a n d l u n g    u n d    R e p a r a t u r v o n :

  1. Instrumenten zur Augenuntersuchung.
  2. photographischen Apparaten und den dazugehörigen Artikeln.
  3. elektrischen Apparaten (Schwachstrom).
  4. mechanischen Lehrmitteln.
  5. Projektionsapparaten.
  6. Theodoliten.
  7. Nivellierinstrumenten.
  8. Sextantanten.
  9. Winkelspiegeln.
  10. Wasserwaagen einsetzen und justieren.
  11. Bandmaße reparieren.

T h e o r e t i s c h e    K e n n t n i s s e

Einige kaufmännische Kenntnisse über den Einkauf von Waren, Korrespondenz, Buchführung etc.


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