1550 – Jan Vermeyen

Betender Mönch mit Brille bei der Landung in Tunis

Jan Vermeyen - Landung bei Tunis

Im Juni 1535 brach Kaiser Karl V. (1500-1558) mit einer Flotte nach Afrika auf. Sein Ziel war das von Türken eingenommene Königreich Tunis zurück zu erobern. Der Feldzug wurde als Kreuzzug ganz im Sinne der katholischen Kirche ausgerichtet. So nahm der aus heutiger Sicht junge Karl V. neben Historikern und Dichtern auch seinen angesehenen Hofmaler Jan Cornelisz Vermeyen (1500-1559) mit, der den Feldzug bildlich dokumentierten sollte. In Folge entstanden riesige Tapisserien – unter anderem eine mit einer sehr guten Brillenabbildung!

Die Rückeroberung von Tunis

Der starke Expansionsdrang des Osmanischen Reichs unter Sultan Süleyman I. (1520–1566) stellte zeitlebens für Karl V. ein großes Problem dar. Hatten die Truppen Süleymans doch zu Beginn des 16. Jahrhunderts weite Teile des Balkans erobert. 1521 fiel Belgrad in türkische Hände, 1526 der größte Teil Ungarns mit der königlichen Hauptstadt Buda. 1529 stand Süleyman I. gar vor den Toren Wiens, musste aber die Belagerung erfolglos beenden.

Der Berberfürst Khair ad-Din Barbarossa (1467-1546) war zu dieser Zeit gleich wie sein Bruder im westlichen Mittelmeer Pirat. Für seine Verdienste wurde er von Sultan Süleyman „dem Prächtigen“ zum Pascha und Admiral der türkischen Flotte ernannt. Im August 1534 eroberte dieser Barbarossa die strategisch wichtige Hafenstadt Tunis. Er vertrieb den von Karl V. eingesetzten Regenten Muley Hasan samt seinen Untertanen.

Dies war für Kaiser Karl V. Anlass um erstmals persönlich an einem Feldzug teilzunehmen. Der 35jährige Kaiser versuchte die Rückeroberung von Tunis als Kreuzzug gegen die ungläubigen Osmanen mit der Befreiung von angeblich 20.000 christlichen Sklaven darzustellen. Im Gefolgszug des Kaisers befand sich unter anderem der gleichaltrige niederländische Maler Jan Cornelisz Vermeyen. Er fertigte Kohleskizzen von seinen Eindrücken an. Zum Teil müssen diese Skizzen sehr nahe am Kampfgetümmel angefertigt worden sein. Zu genau und realistisch sind die Details des Kampfgetümmels dokumentiert. Unerklärlicherweise erhielt Vermeyen erst mehr als zehn Jahre nach dem Feldzug von Maria von Ungarn (Schwester von Karl V., Statthalterin in den Niederlanden) den Auftrag seine Eindrücke auf Karton zu malen. Diese Kartonagen dienten danach als Vorlage für riesige Wandteppiche. Statt den ursprünglich geplanten 18 Monaten arbeitete Vermeyen in den Jahren 1546 bis 1550 an insgesamt 12 Kartonvorlagen. Der holländische Meister beschäftigte dabei auch begabte Maler, wie zum Beispiel Pieter Coecke van Aelst (1502-1550). Die entstandenen Kartonvorlagen sind imposant, weisen sie doch allesamt eine Höhe von knapp vier Meter und Längen zwischen sieben und elfeinhalb Meter auf! Der Künstler verpflichtete sich gegenüber der Auftraggeberein alle anderen Tätigkeiten zurückzustellen und keine neuen Aufträge vor Fertigstellung der Kartons anzunehmen.

Jan Vermeyen - Landung bei Tunis - Karton

Vermeyen malte mit Kohle auf Kartons und füllte sie mit Wasserfarben. Die für den Maler wesentlichsten Bildteile zog er mit kräftigen Linien nach. Der Betrachter der Kartonagen gewinnt den Eindruck, dass alle Personen Linkshänder wären. Dies ist so zu erklären, dass Vermeyen sein Werk spiegelverkehrt malte, da die Weber an der Rückseite der entstehenden Tapisserie arbeiteten und somit die Wandteppiche wieder eine naturgetreue Abbildung aufwiesen. Von diesen beeindruckenden Kartonagen sind noch zehn Stück erhalten und können im zweiten Stock des Wiener Kunsthistorischen Museum besichtigt werden.

Noch vor Fertigstellung der kompletten Kartonserie wurde von den damals besten Webern begonnen eine monumentale Tapisserienserie anzufertigen. Den Auftrag zu dem Mammutprojekt erhielt der Brüsseler „tapissier de sa majesté“ Willem de Pannemaker, Besitzer der wohl bedeutendsten Teppich-Manufaktur der damaligen Zeit. Die Order zur Anfertigung erteilte wieder Maria von Ungarn. Der 1548 geschlossene Vertrag regelte die Fertigung bis in die Einzelheiten. An jedem der zwölf Bildteppiche hatten „täglich und unaufhörlich“ gleichzeitig sieben Weber zu arbeiten, um eine „schnellstmögliche und qualitätvollste“ Fertigstellung zu gewährleisten. Dies ist insofern bemerkenswert, da die zwölf Riesenteppiche in nur sechs Jahren hergestellt wurden! Pro Elle gewebter Tapisserie durften bis zu sieben Pfund Gold- und Silbermetallfäden verwendet werden. Um die Strahlkraft des Edelmetalls nicht durch die direkt benachbarte stumpfe Wolle zu schwächen, wurden im Übergang von Gold- und Silberflächen Gewebe aus feinster Lyoner Wolle mit Metallfäden umwickelte Seidenfäden eingewebt. Zur Verarbeitung kamen nur die besten Seidenfäden aus Granada. Der Vertrag regelte sogar deren Einfärbung in 19 verschiedenen Farben mit jeweils drei bis sieben Tonstufen. Pannemaker’s Wandteppiche sind heute im Patrimonio Nacional in Madrid zu bewundern.

Betender Mönch mit Brille

Vermeyen malte das turbulente Kriegsgeschehen in vielen Details. Um alle 10 Kartons gebührlich zu bewundern muss man sich schon ordentlich Zeit nehmen. Auf dem Karton Nr. 3 findet sich eine Darstellung von der 3. Landung am Kap von Karthago. Eine ganze Flotte liegt an der Küste vor Anker. Karl V. bricht mit einigen Begleitern auf um Goleta und das Terrain der Umgebung zu erkunden. Nach positiver Erkundigung am 16. Juni 1535 beginnt die Ausschiffung der Landstreitkräfte nebst Gefolgsleute.

Am hier abgebildeten Schiffstyp ist ein Rammsporn am Bug besonders gut erkennbar. Im abgelassenen Boot bereitet sich das Trossvolk mit Mönchen, Proviantmeister und Marketenderin auf das Übersetzen vor. Während die Marketenderin das Einladen der Trommel beobachtet sind die beiden Mönche im Gebet vertieft.

Jan Vermeyen - Landung bei Tunis - Brille

Als eines der vielen Details ist am Karton Nr. 3 eine hervorragend gut erkennbare Bügelbrille dargestellt. Deutlich ist die fixe Verbindung der beiden Glasringe ohne Niet erkennbar. Die stabile Brille konnte schon ganz gut auf der Nase balanciert werden. Der Mönch hatte eindeutig beide Hände beim Lesen des Gebetbuches frei. In einem schaukelnden Beiboot war unser Mönch trotzdem ganz schön mutig seine kostbare und teure Lesehilfe nicht am Glasrand zu halten. Wäre die Brille über Bord gegangen, so hätte er zurück in der Heimat wohl viele Monate auf eine neue Brille warten müssen. Für einen alterssichtigen, gelehrten Mönch ein furchtbares Szenario.

Das linke Brillenglas weist einen Fleck auf. Bewertet man den Rest der gut erhaltenen Karton kann man zur Ansicht kommen, dass Vermeyen sogar den Lichtreflex am Brillenglas beobachtete und am Karton ausführte.

Jan Cornelisz Vermeyen – kleine Biographie

Jan Cornelisz Vermeyen wurde irgendwann zwischen 1495 und 1500 in Beverwijck, einem kleinen holländischen Dorf unweit von Haarlem geboren. Man nimmt an, dass der junge Vermeyen bei Jan Gossaert, einem vielseitigen Maler in die Lehre ging. Im Jahr 1528 trat Vermeyen in den Dienst des österreichischen Königshauses ein und malte in Folge an den verschiedensten habsburgischen Höfen. Bereits an viele Reisen gewohnt wurde er 1534 von Kaiser Karl V. als Hofmaler nach Spanien berufen. Der Kaiser nahm Vermeyen oftmals auf Reisen mit – unter anderem auch zum Felszug gegen die Türken in Tunis. Dort fertigte Vermeyen eine Unmenge an bisher verschollene Kohleskizzen zur Vorlage für die Kartons an. 1536 erhielt der holländische Maler das Privileg Portraits von hochrangigsten Persönlichkeiten in Form von Stichen zu verarbeiten. Im Jahr 1546 erhielt Vermeyen endlich den Auftrag die Kartons für eine Tapisserienfolge anzufertigen. Vier Jahre später hatte der Künstler den Auftrag erfolgreich beendet. Vermeyen wurde für seine Zeit wohl recht alt und verstarb als etwa Sechzigjähriger im Jahr 1559 in Brüssel.

Literatur

[1] Der Kriegszug Kaiser Karls V. gegen Tunis, Kartons und Tapisserien; Katalog des kunsthistorischen Museum Wien, 2000
[2] Kaiser Karl V. (1500-1558), Macht und Ohnmacht Europas, Pressemappe zur Ausstellung der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, in Zusammenarbeit mit dem Kunsthistorischen Museum Wien, 2000
[3] Geschichte als Panorama, Kaiser Karl V. und Europa – Ausstellung in Bonn, Neue Zürcher Zeitung, 30.03.2000
[4] Die Geschichte der Brille, Harald Belyus, Optiker Online!, 1997
[5] Atlas zur Geschichte der Brille; W. Poulet; Verlag Wayenborgh; 1978


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