1485 – Conrad Waider

Historische Brillenabbildung in Bozen

1485 Conrad Waider GesamtansichtBozen verfügt über ein recht bedeutendes Kulturdenkmal im Zusammenhang mit historischen Brillenabbildungen. Die alte Pfarrkirche des Stadtteils Gries beherbergt einen pompösen Altar, der um 1475 vom bekannten Maler und Schnitzer Michael Pacher geschaffen wurde. Auf der Rückseite des Pacher-Altars finden sich fünfzehn Tafeln – eine davon ist mit einer perfekt gemalten Brille versehen.

Der Bozener Pacher-Altar steht in der Erasmuskapelle der alten Grieser Pfarrkirche. Vielfach wurde auch die Gestaltung der Rückseite des Altars in diversen Publikationen fälschlich Michael Pacher zugeordnet. Pacher hatte allerdings an der Rückseite des Schreins niemals gearbeitet. Ausdruck und Maltechnik weisen auf einen anderen Künstler hin. Stilvergleiche und eine Urkunde stellen ein sicheres Indiz dar, dass Conrad Waider aus Straubing (Niederbayern) Schöpfer der Rückseite des Altars war. Waider war um diese Zeit in der Gegend um Bozen ein viel beschäftigter Maler.

Conrad Waider schuf die 15 Temperatafeln von 1485 bis 1490, also nach der Fertigstellung der Altarvorderseite durch Pacher. Die einzelnen Tafeln zeigen Szenen aus dem Marienleben und aus der Passion. Ganz rechts unten findet man das Bildnis „Ecce-Homo“. Jesus wird der gaffenden Menschenmenge vom zweifelnd dreinblickenden Pilatus vorgeführt. Der Heiland ist gefesselt, trägt die Dornenkrone und blickt bereits müde durch die Marterungen nach unten.

Das Zepter zur Verhöhnung des Königs der Juden wird allerdings nicht von Jesus, sondern von Pilatus getragen. Eventuell ein Zeichen von Pilatus Zweifel, ob die Verurteilung vielleicht zu Unrecht wäre. Außerdem sind zwei bewaffnete Ritter mit dem Wappen des Kaisers abgebildet. Eine wütende Frau hebt im Hintergrund des Bildes die Hände hoch als würde sie Jesus fassen und auf ihn einschlagen wollen. Im Vordergrund steht ein auf Krücken gestützter Greis, der einen Bettel-Essnapf am Gürtel trägt. Suchend hält er die rechte Hand zum Heiland.

Der reiche Großbürger mit einer Bügelbrille

Absolut im Vordergrund steht allerdings ein reicher Bürger der pelzverbrämte Kleider und eine Brille mit grünen Gläsern auf der Nase trägt. Er stellt das emporgekommene Bürgertum des Mittelalters dar. Religiosität strahlt der Bürger keineswegs aus. Ganz im Gegenteil blickt er hochnäsig den gemarterten Jesus über seine grünen Gläser an. Was hat der zu Tode Verurteilte schon mit einem König gleich, könnte der Blick sagen. Die Brille zeugt vom außerordentlichen Reichtum des Bürgers. Die grünen Gläser verleihen dem Antlitz des Pharisäers etwas Unheimliches und verweisen mit den charakteristischen Gesichtszügen eine offen zur Schau gestellte, feindselige Haltung.

1485 Conrad Waider Bügelbrille

Wollte Conrad Waider mit der Brille vielleicht auch Bezug zum aktuellen Bozener Geschehen im ausgehenden 15. Jahrhundert nehmen? Während er an den Temperatafeln arbeitete ereignete sich in Südtirol tatsächlich etwas ganz außergewöhnliches. Im Jahr 1487 wurde der Landesherr Herzog Sigismund vom Meraner Landtag wegen Verschwendungssucht unter Kuratel gesetzt. Zudem wurde ihm die Regierungsgewalt entzogen. Für diese Zeit war dies relativ ungeheuerlich. Die Bürger lehnten sich gegen die „von Gott gewollte“ Ordnung, den „Herrscher von Gottes Gnaden“ auf. Eine Brille war nur den reichsten Bürgern vorbehalten. Lehnt sich Waider’s reicher Bürger etwa gegen den Herrscher auf?

Bügelbrille aus Holz, Knochen oder Horn

Pfarrkirche GriesBei der abgebildeten Brille handelt es sich wahrscheinlich um eine Bügelbrille. Die gegenüber der Nietbrille verbesserte Bauart kam in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts auf, verfügte bereits über eine fixe Verbindung der beiden Glasringe und hielt somit deutlich besser auf der Nase. Als Materialien dienten zu dieser Zeit Eisen, Bronze, Holz, Leder, Knochen, Horn und Fischbein. Die Glasumrahmungen des abgebildeten Bürgers sind aus vierkantigen, etwa 4-5mm dicken Stäben angefertigt. Die Dicke der Stäbe wurden vom Autor dieser Publikation nicht am Originalbild nachgemessen, sondern vielmehr in Proportion zu anderen Objekten wie etwa dem Auge des Bürgers geschätzt.

In einigen Publikationen zum Grieser Altar kam man – wahrscheinlich wegen der Fassungsfarbe – zum Schluss, dass die abgebildete Brille aus Gold wäre. Conrad Waider’s Brille ist allerdings mit ziemlicher Sicherheit nicht aus einem metallischen Werkstoff wie Gold. Die Brillenränder aus metallischen Werkstoffen waren in der Regel deutlich dünner. Vermutlich handelt es sich bei der Brille um eine Holz-, Knochen-, oder Hornbrille.

Die ersten Nietbrillen hatten noch gerade Stile (die Verbindung der beiden Glasränder). Die abgebildete Brille war, zum Zeitpunkt als Waider sie malte, relativ neu und aufwendig gefertigt da sie bereits geschwungene Stile aufweist. Eine Beschädigung der Brille bedeutete im 15. Jahrhundert eine mehrmonatige Wartezeit bis zum Erhalt eines Ersatzes. In der Mitte des Bügels könnte sich deshalb unter Umständen eine Öse befinden, die möglicherweise als Haltevorrichtung für eine sichernde Kette diente. Diese schützte vor dem Herabfallen und in Folge vor Beschädigung der Bügelbrille. Gut erkennbar sind auch die beiden, dreiecksförmigen Schließblöcke außen/unten an den Glasringen. An diesen Stellen wurden die Öffnungen der beiden Glasringe nach dem Einsetzen der geschliffenen Gläser jeweils mit einem Faden zusammengehalten.

Korrektion der Alterssichtigkeit

Neben der künstlerischen Interpretation betreffend der auffallend grünen Tönung der Gläser muss man sich darüber im klaren sein, dass zu Beginn der Brillenherstellung farbige Brillen absolut nicht unüblich waren. So wurden nicht nur vollkommen, transparente Beryll-Halbedelsteine, sondern auch farbige Gläser zur Herstellung von Korrektionsgläsern verwendet. Mit einem Sonnenschutz hatten die Brillen deshalb nichts zu tun. Die Brillen des Mittelalters dienten zum Ausgleich einer Alterssichtigkeit.

Bei genauer Betrachtung fällt auch auf, dass der Bürger den Heiland nicht durch die Brille ansieht sondern vielmehr über die Sehhilfe hinwegblickt. Waider war demnach ganz klar zu welchen Zweck die Sehhilfen seiner Zeit dienten – nämlich zum Ausgleich einer Alterssichtigkeit. Blickt man nämlich als Rechtsichtiger durch eine Lesebrille auf weiter entfernte Objekte, so sieht man sie verschwommen. Waider dürfte dieser Umstand bekannt gewesen sein und ließ deshalb den reichen Bürger über den Brillenrand zu Jesus aufblicken.

Die Vorderseite des Altars von Michael Pacher

Pacher Altar in BozenLaut vorhandener Literatur soll Waider erst nach Fertigstellung der Altar-Vorderseite durch Pacher die Rückseite des Schreins bemalt haben. Dies scheint wohl richtig.

Kannten sich Michael Pacher und Conrad Waider?

In einigen Publikationen wird sogar vermutet, dass Pacher und Waider keinen Kontakt zueinander hatten. Diese Annahme lässt aber insofern Zweifel aufkommen, da Pacher etwa zeitgleich mit dem Grieser Altar an einem weiteren Hochaltar – wahrscheinlich in seinem Atelier in Bruneck – arbeitete. Der an die Pfarrkirche St. Wolfgang gelieferte Hochaltar entstand etwa um 1471 bis 1481 und wurde von Pacher gleich mit zwei Brillenabbildungen beglückt.

Abbildungen von Brillen auf Gemälden des 15. Jahrhunderts sind allerdings nicht übertrieben oft anzutreffen. Es bleibt zu vermuten, dass Pacher sehr wohl sein Wissen über das neumodische Instrument Brille anderen Malern wie Waider weitergegeben hatte. Diese Möglichkeit wird insofern erhärtet, da Michael Pacher erst am 8. Dezember 1488 die Endquittierung für die Anfertigung des Griesener Flügelaltars unterzeichnete. Zu diesem Zeitpunkt (1485-1490) arbeitete Waider gerade intensiv an der Bemalung der Rückseite des Flügelaltars.

Michael Pacher’s Atelier in Bruneck war nur 80 Kilometer von Bozen entfernt. Die Strecke war für einen Reiter also in einer Tagesreise zu bewältigen. Es darf als äußerst unwahrscheinlich angesehen werden, dass die beiden Meister einander nicht kannten und über die Funktion der damals aufkommenden Sehhilfen nicht miteinander sprachen.

Die fünfzehn rückwärtigen Tafeln wurden von Conrad Waider übrigens mit der Temperatechnik geschaffen. Als Farbbindemittel wurde dazu eine wässrige Lösung, unter anderem aus Bier, Eigelb, Harz, Wachs und Leim verwendet. Diese Art der Bemalung war schon in der Antike bekannt und wird bei Ikonen noch heute angewendet.

Spitzbögen Bozen Conrad Waider Spitzbögen Bozen Conrad Waider

Rund um Bozen findet man einige Fresken von Waider, unter anderem in den Spitzbögen des alten Rathaus von Bozen (oben abgebildet) und in der Sarntheiner Kirche St. Cyprian (nachfolgend abgebildet). Jene in St. Cyprian beeindrucken durch ihre strahlenden Farben – als wären sie nicht im 15. Jahrhundert, sondern erst vor ein paar Wochen entstanden.

Sarntheiner Kirche in St. Cyprian Fresken der Sarntheiner Kirche St. Cyprian Fresken Conrad Waider

Conrad Waider – kleine Biographie

Meister Conrad Waider wurde im bayrischen Straubing geboren. Möglicherweise war sein Vater Goldschmied. Im 15. Jahrhundert entstammten einige Maler Goldschmiedefamilien. In den Werkstätten wurde viel künstlerisch gearbeitet. Laufend wurden Entwurfsskizzen, Zeichnungen und Musterblätter angefertigt. Die Auftragslage war in der Heimat Waider’s jedoch problematisch. Das Herzogtum Straubing-Holland verlor zu Beginn des 15. Jahrhunderts seine Bedeutung als Regierungssitz. Neben den bestehenden Hussitenkriegen glaubte man auch, dass die Türken einfallen würden. Der Bau von Befestigungsanlagen stand im Vordergrund und führte zum Bauten-Stillstand der Karmelitenkirche und der Pfarrkirche St. Jakob. Vielleicht wanderte deshalb Conrad Waider in das ruhigere Südtirol ab?

Literatur

[1] Conrad Waider, Maler der Spätgotik; Heinrich Spanner & Toni Kienast; Arthesiadruck 1990
[2] Michael-Pacher-Altar in Gries bei Bozen; Mathias Frei; SB-Farbkunstführer; 1999
[3] Sarntaler Kirchenkunst, Leo Andergassen
[4] Über die Fresken in St. Cyprian; aufgelegte Info von anonymen Verfasser in der Pfarrkirche; zum Zeitpunkt des Besuchs 2004
[5] Wandmalereien in Südtirol, Bozen; N. Rasmo; Sparkasse; 1973
[6] Michael Pacher; E. Hempel; Wien; 1931
[7] Michael Pachers Grieser Altar; München; 1932
[8] Die Sehhilfe im Wandel der Jahrhunderte; Emil Heinz Schmitz; Süddeutsche Optikerzeitung; 1961
[9] Das Mittelalter auf der Nase; Chiara Frugoni; C.H. Beck Verlag; 2004
[10] Die Geschichte der Brille; Harald Belyus; Optiker Online!; 1997
[11] Wolfgang Pachers Flügelaltar; Harald Belyus; Optiker Online!; 1998
[12] Handbuch zur Geschichte der Optik; E.H. Schmitz; Verlag Wayenborgh; 1995
[13] Atlas zur Geschichte der Brille; W. Poulet; Verlag Wayenborgh; 1978


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