Optisches Spielzeug – Bewegte Bilder

Optisches Spielzeug, laufende Bilder aus der Biedermeier-Zeit
Frühe Vorläufer des Films

Eine Publikation von Ulrike Füsslin

Dass die Bilder bereits vor der Erfindung des Films laufen konnten, ist eine meist unbeachtete Tatsache. Doch gerade diese Vorläufer mit ihren oft ausgeklügelten Bewegungsmechanismen bildeten eine entscheidende Grundlage für die spätere Entwicklung des Films. Mittels physiologischen und psychologischen Phänomenen wie der Nachbildwirkung des Auges oder dem stroboskopischen Effekt rufen sie die Illusion von Bewegung hervor.

Als einfaches Spielzeug waren sie in der Bevölkerung sehr beliebt und weit verbreitet. Dennoch ist es heute schwierig, komplette und gut erhaltene Spiele zu finden. Meist hergestellt aus Papier oder Pappe, hatten sie den witterungsbedingten Einflüssen oder den heftigen Belastungen der Kinderhände kaum etwas entgegenzusetzen. Besonders auffallend sind die grafisch reizvollen Darstellungen, die eine hohe Qualität in punkto Fertigung, Ausschmückung und Einfallsreichtum aufweisen.

Viele der sogenannten optischen Spielzeuge sind auf medizinisch-wissenschaftliche Erkenntnisse zurückzuführen. Die damalige Spielzeugindustrie erkannte recht schnell deren hohen Unterhaltungswert und brachte kindgerechte Abwandlungen auf den Markt.

Thaumatrop
Das Thaumatrop (Wunderscheibe)

Als ein erster Vorläufer des Films gilt das Thaumatrop – auch Wunderscheibe genannt. Auf Vorder- und Rückseite einer kleinen Pappscheibe, rund oder rechteckig, sind zwei verschiedene, sich ergänzende Bilder gemalt. Zwei kurze Bänder an sich gegenüberliegenden Seiten ermöglichen das Zwirbeln der Pappscheibe mittels Zeigefinger und Daumen.

Thaumatrop Scheibe Vogel

Bei einer bestimmten Geschwindigkeit überlagern sich die zwei unterschiedlichen Bilder der Vorder- und Rückseite zu einem – dann sitzt der Vogel im Käfig, der Reiter auf dem Pferd. Dass das Auge diese zwei verschiedenen Bilder nicht als solche auch wahrnimmt, ist auf den Effekt der Nachbildwirkung zurückzuführen. Dieser besagt, dass ein auf der Augennetzhaut einwirkender Lichtreiz eine Empfindung auslöst, die, auch wenn der Reiz erloschen, noch eine gewisse Zeit bestehen bleibt. Derartige Spiele waren ab 1825 im Handel erhältlich und wurden beispielsweise von dem österreichischen Spieleverleger Trentsensky & Vieweg unter der Bezeichnung „kleine optische Zauberscheiben“ vertrieben.

Phenakistiskop Tableaux Animes
Das Phenakistiskop: Tableaux Animes

Zur selben Zeit beschäftigten sich namhafte Wissenschaftler wie Michael Faraday (1791-1867) mit der Erforschung des stroboskopischen Effekts. Er beruht auf einer Identifikationstäuschung. Räumlich getrennte Bilder empfindet der Betrachter als zusammengehörig, wenn sie unter bestimmten Voraussetzungen in möglichst rascher Folge vorgeführt werden. Diesen Effekt für die Animation von einzelnen Bewegungsphasen einzusetzen, gelang unabhängig voneinander im Jahre 1833 dem Österreicher Simon Stampfer und dem Belgier Joseph Plateau. Auf einer runden Pappscheibe ordneten sie einzelne Phasenzeichnungen einer zyklischen Bewegung kreisförmig an. Ausgestanzte Schlitze am äußeren Rand dienten beim Betrachten vor einem Spiegel zum Auslösen des stroboskopischen Effekts. Spätere Spielvarianten bedienten sich auch einer separaten Schlitzscheibe und erzielten so dieselbe Wirkung.

Phenakistiskop Lebensrad
Phenakistiskop (Lebensrad)

Noch im selben Jahr gewann Plateau den Verleger Ackermann in London als Partner für die Herstellung und den Vertrieb seiner Phantasmascope-Scheiben. Stampfer brachte zeitgleich seine „Stroboskopischen Zauberscheiben“ bei Trentsensky in Wien heraus. Nur wenig später erschienen in ganz Europa eine Fülle von ähnlichen Spielen im Handel mit solch illustren Namen wie Phenacistiscope, Periphanoscope, Phorolyt, Lebensräder, Magic discs etc. Plagiate waren an der Tagesordnung, und nur selten waren diese Spiele in Ausführung und Einfallsreichtum denen der ursprünglichen Erfinder ebenbürtig.

Die Weiterentwicklung fand in Form des Zoetrops statt, auch Zootrop, Wunder- oder Schlitztrommel genannt. Hier sind die Phasenzeichnungen auf einem Papierband zusammengefasst und werden auf der inneren Wand einer mit Schlitzen versehenen Trommel angebracht. Dieses Spielzeug bietet den großen Vorteil, dass mehrere Personen gleichzeitig die animierten Sequenzen beobachten können. Einige der Nürnberger Spielzeughersteller wie beispielsweise Bing, Plank oder Carette hatten diesen Artikel in ihrem Warenangebot. Das Angebot war vielfältig und reichte von reich verzierten Miniaturzoetropen aus Blech bis hin zu großen schlichten Schlitztrommeln aus Karton.

Zoetropstreifen
Zoetropstreifen

Als besonderen Werbegag setzte um ca. 1880 ein amerikanisches Textilunternehmen eine „Zoetrop-Herrenkragen-Schachtel“ ein. Diese enthielt zehn Herrenkragen und drei Zoetropstreifen. Die Schlitztrommel konnte leicht aus der ursprünglichen Kragenschachtel hergestellt werden.

Die Bilderthemen waren ebenfalls vielfältiger Art. Da gab es tanzende Paare, Seil hüpfende Mädchen, turnende Akrobaten, stampfende Maschinen etc. Ottomar Anschütz, ein Pionier der deutschen Filmgeschichte, nutzte eine ähnliche Apparatur, um seine photographisch erstellten Reihenaufnahmen wieder in Bewegung zu versetzen.

Praxisnoskop
Praxinoskop (Tätigkeitsseher)

Das Praxinoskop (Tätigkeitsseher) ist eine weitere Anordnung zur Bilderanimation, die im Jahre 1877 durch den Franzosen Emile Reynaud erfunden wurde. Verbessert ist der Bewegungsfluss der Bilder, da jene nicht mehr durch mitdrehende Schlitze, sondern über Spiegel betrachtet werden. Wird die Trommel, an deren Innenseite sich der Bildstreifen befindet, in Rotation gebracht, so spiegeln sich die einzelnen Phasendarstellungen auf dem in der Mitte angebrachten Spiegelkranz. Dabei entspricht die Anzahl der Spiegeloberflächen den einzelnen Bewegungsphasen der Bildstreifen. Eine in einem Halter auf der Rotationsachse stehende Kerze mit einem kleinen Lampenschirm aus bunt bedrucktem Papier sorgt für zusätzliches Licht. Der optische Ausgleich der Bildwanderung durch Spiegel hat im Ergebnis ein deutlich helleres Bild zur Folge als bei den oben aufgeführten Beispielen. Aufgrund der großen Popularität entwickelte Reynaud ausgefeiltere Modelle wie das Praxinoskop Theatre oder das Praxinoskop a Projection.

Praxisnoskop a Projection
Praxisnoskop a Projection

Beiden gemeinsam lag die Idee zugrunde, die Bilder vor einem austauschbaren Hintergrundbild in Bewegung zu versetzen. Beim Praxinoskop a Projection gelang es durch die Kombination mit einer speziellen Laterna Magica, die bewegten Bilder an die Wand zu werfen. Die Firma Ernst Plank brachte in Deutschland eine fast identische Kopie des Praxinoskops unter der Bezeichnung Kinematofor auf den Markt. Interessant sind hier vor allem die ausgeklügelten Antriebsmechanismen, die mit Heißluft oder Elektroantrieb für einen automatischen Ablauf sorgten.

Die Erfindung des Films durch die Gebrüder Lumiére im Jahre 1895 leitete das allmähliche Aus für derartiges Spielzeug ein. In Scharen strömten die Menschen in die frühen Kinopaläste, um sich durch die „echten“ bewegten Bilder berauschen zu lassen. Doch gerade in jüngster Zeit erleben diese Vorläufer der Kinematographie eine ungeahnte Renaissance. Führende europäische Auktionshäuser veranstalten regelmäßig Spezialauktionen, in denen optisches Spielzeug einen festen Platz einnimmt.

In einer Welt, die maßgeblich von bewegten Bildern bestimmt wird, ist das Sammeln von optischem Spielzeug eine Möglichkeit, sich mit dem Medium Film/Fernsehen auseinanderzusetzen. Letztendlich ist die heutige 3D-Computeranimation „nur“ die logische und konsequente Weiterentwicklung des ursprünglichen Prinzips. Die Technik und das Medium haben sich geändert; der Wunsch, die Bilder laufen zu lassen, ist immer noch derselbe.

Wir danken dem Füsslin Verlag für die Verwendung des Textes und der Fotos
Füsslin Verlag, Stubaier Str. 20, 70327 Stuttgart, Deutschland
Titel: Optisches Spielzeug oder wie die Bilder laufen lernten
ISBN: 3-9803451-0-6
Internet: www.fuesslin.de


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