1904 – Theorie und Praxis der Augengläser

Dr. E . H. Oppenheimer
Augenarzt in Berlin

Digitalisierung der Kapitel „Geschichtlicher Ueberblick“ und „Fabrikation der Augengläser“

1904, Theorie und Praxis der Augenglaeser

Geschichtlicher Ueberblick; Entwicklung der Brillenindustrie

Das Auge ist das einzige unserer Sinnesorgane, welches eine weitgehende Verbesserung der Funktion zulässt. Doch erst verhältnismäßig spät, im Laufe der letzten Jahrhunderte bezw. Des letzten Jahrhunderts hat sich an Hand einer fortschreitenden Wissenschaft und Industrie die Ueberzeugung Bahn gebrochen, dass das Auge der Verbesserung mittels einer Brille in der Tat auch bedarf. In kurzen Umrissen diese Entwicklung zu schildern, soll der Zweck der folgenden Seiten sein.

Zur Geschichte des Glases. – Weder Sage noch Ueberlieferung gibt uns sichere Anhaltspunkte für den Ursprung des Glases. Die bekannte und oft zitierte Erzählung des Plinius, wonach Phönizier anstatt eines Steines Soda als Unterlage für ihre Kochgeschirre benutzten, so dass sich am Ufer des Flusses Belus mit dem Sande Glas bildete, ist schon aus technischen Bedenken von der Hand zu weisen.

Noch älter als die Kunst der Phönizier war die Glasbläserei bei den Aegyptern, welche wie Reliefs gewisser Königsgräber beweisen, bereits 1800 Jahre v. Chr. Geburt Hohlglas lieferten und überfangene Urnen kannten. Aber trotzdem die Industrie damals schon soweit vorgeschritten war, dass ganze Sarkophage und Bildsäulen aus Glas sowie uns heute noch fast modern anmutende Ziergläser angefertigt wurden, so war die herstellung des farblosen Glases schwierig und besonders geschätzt. Daraus erklärt sich z.B., dass es erst im 12. und 13. Jahrhundert Glasfenster in Europa gab, während allerdings etwas früher bunte Scheiben bekannt waren.

Altertum. – Wie lange schon die Brille bei den asiatischen Völkern bekannt ist, darüber liegen keine zuverlässigen Nachrichten vor. Noch vor rund 100 Jahren trugen Chinesen und Mongolen besonders große runde Scheiben, deren Fassung mittels Schnüre und mit Gewichten, die um das Ohr liefen, in ihrer Lage gehalten wurden; zuweilen reichten die Schnüre auch nach oben an den Hut heran. Die Gläser wurden aus einem Kristall, Theestein genannt (Topas), angefertigt. Jedenfalls erheben die Chinesen auch auf die Erfindung der Brille Anspruch, wie auf so manches Schöne im Leben.

Weder die Juden noch die Babylonier kannten die Wirkung des mit einer Krümmung geschliffenen Glases; die Linsen, wie sie sowohl in Babylonien wie auch in Pompeji in Gräbern aufgefunden wurden, sind sicherlich nichts anderes als Schmuckgegenstände oder bestenfalls Vergrößerungsgläser gewesen.

Griechen und Römern war die sammelnde Wirkung von mit Wasser angefüllten Hohlkugeln ebenso wie die Vergrößerung mittels Lupen wohl bekannt; auch die Schwach- bezw. Kurzsichtigkeit war den Römern nicht entgangen. Brillengläser kannte jedoch damals Niemand. Die vielumstrittene Stelle des Plinius, wonach Kaiser Nero den Gladiatorenkämpfen durch einen Smaragd zugesehen habe, weil er kurzsichtig war – nach Lessing weil er weitsichtig war -, muss jedenfalls anders ausgelegt werden, obwohl anzunehmen ist, dass Kaiser Nero in der tat schwachsichtig war.

Möge Nero den Smaragd als „augenstärkendes“ Mittel in der Art eines Schutzglases oder aus politischen Gründen, um seine Sympathien für die Partei der „Grünen“ zu bezeugen, benutz haben., jedenfalls stimme ich Bock bei, dass der Smaragd nicht als Korrektionsglas benutzt wurde; es wäre doch m. E. auch gar nicht zu erklären, wie sonst diese immerhin auffallende Neuerung mit Neros Tod (68 n. Christi Geburt) auf über ein Jahrtausend verschwunden wäre.

Mittelalter; Erfindung der Brille. – Aus dem frühen Mittelalter finden sich gelegentlich Lupen, nirgends aber Brillen erwähnt. Der erste, der die Wirkung der Linsen erkannte und auf sie hinweist (1276) ist der gelehrte Franziskanermönch und Feind der Scholastiker, Roger Bacon aus Oxford (1214 – 1294), der wohl selbst ein plan-konvexes Glas benutzte. Man weiß jedoch, dass zu derselben Zeit sowohl in Flandern wie in Deutschland die Brille nicht unbekannt geblieben war.

Gewöhnlich wird die Erfindung der Brille zwei Italienern zugeschoben, dem Florentiner Salvino degli Armati (1285), dessen Grabschrift ihn als Erfinder bezeichnet, und dem Dominikanermönch Alessandro della Spina aus Pisa. Wenn wir nach alledem nicht in der Lage sind, einem bestimmten Mann für seine Wohltat ein Denkmal setzen zu dürfen – wer hätte es wohl eher verdient! – so können wir doch bezüglich des Zeitpunktes mit einiger Sicherheit behaupten, dass die Brille erst Ausgangs des 13. Jahrhunderts erfunden wurde.

Früher galt vielfach der hl. Hieronymus (geb. 331 in Dalmatien) als Erfinder, weswegen er später als Schutzpatron ein gewisses Ansehen bei den Brillenschleifern genoß.

Es muß uns eigentlich Wunder nehmen, daß es so langer Zeit, über ein Halbjahrtausend, bedurfte bis die Brille einigermaßen populär wurde; die Gründe, weswegen die Verbreitung der Brille so außerordentlich langsam vorwärts schritt, lagen nur zum Teil an den damaligen, gering entwickelten Verkehrsverhältnissen und der erst spät aufkommenden Industrie.

Anfangs galt die Brille gar als Zauberwerkzeug. Auch später wurden Brillenträger noch so lächerlich gemacht, daß sie sich bebrillt nicht auf die Straße wagen durften; daraus erklärt es sich auch, daß von den zahlreichen Bildern der damaligen Zeit, auf denen Versammlungen und Volk zu sehen ist, kaum ein einziger Mensch eine Brille trägt. Doch gab es Karikaturen, Gelehrte und andere Einzelfiguren, selbst bis zum 15. Jahrhundert zurück, die zuweilen auch mit Brille abgebildet wurden. Uebrigens besteht in manchen Kreisen der Bevölkerung auch heutzutage noch dieses mittelalterliche Vorurteil, das sich direkt auf die damalige Anschauung von der komischen Wirkung der Brille zurückführen lässt. Allerdings ist es nicht zu leugnen, daß die damalige Form der Brille zur Karikatur förmlich einlud.

Merkwürdigerweise widerrieten die Aerzte des Mittelalters überhaupt den Gebrauch der Brille; erst seit 100 Jahren gaben sie sich mit dem Verordnen der Gläser ab, was übrigens begreiflich wird, wenn man bedenkt, daß erst seit kaum einem halben Jahrhundert eine wissenschaftliche Untersuchung der Augen mittels des Augenspiegels (Helmholtz, 1851) möglich geworden ist.

Einer großen Verbreitung ebenfalls hinderlich war der hohe Preis der Brille; nur reiche Leute und auch diese nicht überall – denn es gab wenig Orte wo Gläser geschliffen wurden – konnten sich den Luxus eines Glases erlauben. Vor 300 Jahren kam die Brille auf über 100 Mark, vor 60 Jahren kostete sie selbst in Berlin noch vier Thaler.

Zu allen diesen Gründen kam noch die Erscheinung, daß erst mit der fortschreitenden Kultur das Bedürfnis und die Notwendigkeit , gut zu sehen, sich fühlbar machten (Lesen, Schreiben etc.).

Brillengläser wurden nur an einigen wenigen Orten hergestellt, vornehmlich in Venedig, wo bereits früher die Glaskunst am weitesten fortgeschritten war, sodann in Nürnberg, Augsburg und Regensburg (schon zu Beginn des 15. Jahrhunderts). Vertrieben wurden die Gläser zumeist durch Hausierer; bereits im 16. Jahrhundert gab es zwar auch Läden dafür in Deutschland.

Die ersten Brillen waren nur Lesegläser in der Art gestielter Monocles; erst nach weiteren hundert Jahren kamen sie in verdoppelter Form oder mit einem plumpen Steg verbunden auf. Derartige Brillen sind im Germanischen Museum zu Nürnberg zu sehen. Die Gläser waren zumeist groß und rund; angefertigt wurden sie anfangs aus gewöhnlichem Glas, auch aus venetianischem Glas, später vielfach neben Crownglas auch aus Flintglas, seltener aus Bergkristall (Topas).

Die Gesetze der Optik wurden erst spät von Maurolycus (von Messina gest. 1575) und danach von Kepler (1571 – 1630) in dessen Werk Dioptrice (1611) aufgestellt. Bisher hatte man nur die Alterssichtigkeit korrigiert; obwohl Kurzsichtigkeit damals ebenso wie heute verbreitet und die Tatsache ihres Bestehens bekannt war, so dachte man gar nicht daran, andere als Konvexlinsen zum Lesen zu verwenden; erst Mitte des 16. Jahrhunderts kamen auch Konkavgläser in Aufnahme.

Ein Cylinderglas wurde zum ersten Mal von dem Optiker Mc Allister in Philadelphia geschliffen (1828), während allerdings ein Jahr zuvor der englische Astronom Airy den Astigmatismus am eigenen Auge auffand (nach anderen auch korrigierte und Sir David Brewster bereits im Jahre 1758 auf Astigmatismus hingewiesen hatte. Die Lehre von den Brillengläsern weiter ausgebaut hat besonders Donders.

Die neuzeitliche Brillenindustrie. – Betrachten wir zuerst die deutsche Industrie. In Preußen setzte die Fabrikation von Brillen mit dem Jahr 1772 ein, als Friedrich der Große sich einen Brillenschleifer aus der Stadt Nürnberg verschrieb, namens Hieronymus Meyer. Dieser eröffnete in Frankfurt a.O. eine Werkstätte und betrieb fünfzehn Jahre lang die Schleiferei als Monopol in Preußen; erst von da ab wurden auch ausländische Gläser zugelassen.

Rathenow. – Im Jahre 1801 erhielt der erstaunlich erfindungsreiche Feldprediger August Duncker die Konzession zum Betrieb einer optischen Industrieanstalt in Rathenow (Reg.-Bezirk Potsdam, 70km westlich von Berlin, das damals 4000 Einwohner aufwies, hat z. Zt. eine Bevölkerung von ca. 24000), in welcher invalide Soldaten und Militär-Waisenkinder Beschäftigung finden sollten. Aus diesem kleinen Anfang (es waren 5-8 Arbeiter) entwickelte sich im Laufe eines Jahrhunderts die größte Brillenindustriestadt Deutschlands oder wohl ganz Europas.

Die älteste Fabrik in Rathenow ist die soeben erwähnte, die nur den Namen „Rathenower Optische Industrie-Anstalt vorm. Emil Busch“ (seit 1872 eine Aktiengesellschaft) führt. Sie beschäftigt z. Zt. an die 400 Arbeiter; neben dem Schleifen von Brillengläsern legt sie ein Hauptgewicht auf die Herstellung von Perspektiven, Objektiven, u. ähnl. Ueber die Entwicklung dieser Fabrik findet sich alles Nähere in der vor einigen Jahren erschienenen und schön illustrierten Jubiläumsschrift.

Die größte und seit einigen Jahren modernisierte, vielfach nach amerikanischem Vorbild eingerichtet Fabrik ist die Altstädtische optische Industrie-Anstalt von Nitsche und Günther, die alleine im Rathenower Werk an die 750 Arbeiter beschäftigt; in Berlin und London bestehen Zweiggeschäfte. Die Tagesproduktion dieser einen Fabrik beträgt an Fassungen alleine ca. 6000 Stück, an Gläsern 10000. Als Nebenzweig werden dort besonders Beleuchtungskörper für Schiffe, Küsten, Leuchttürme ect. hergestellt.

Ausser diesen beiden grossen Anstalten gibt es in Rathenow eine grosse Zahl kleinerer Betriebe, die von 5 bis 50 Leute beschäftigen und meist irgend eine Spezialität kultivieren; eine der größeren Anstalten ist Lucke und André, deren Fabrik ich ebenfalls besichtigte, von anderem erwähne ich noch Müller und Muhsold, Schulz und Bartels u. a.

Von den 2000 Arbeitern, die die Brillenindustrie in Rathenow direkt beschäftigt, gibt sich kaum der fünfte Teil mit Glasschleifen ab; ein anderes Fünftel arbeitet in Nickel, Stahl und Schildpatt, 400 sind Goldarbeiter, der Rest fertigt Perspektive, Etuis u. a. an.

Die Ausfuhr an optischen waren aus Rathenow für das Jahr 1903 betrug 7 Millionen Mark, an Stückzahl ca. 2 ½ Millionen Brillen- und Klemmerfassungen und ca. 6 ½ Millionen Gläser. Verarbeitet wurden 190000 kg „optisches“ (Crown-) Glas, 16000 kg Nickel, 2000 kg Stahl, 1400 kg Doublé, 300 kg Gold, 50 kg Silber.

Im übrigen Deutschland werden ebenfalls in einigen Städten Süddeutschlands Brillengläser geschliffen, doch handelt es sich zumeist um optisch minderwertige Ware. Fassungen werden auch in Fürth, Pforzheim, Schwäbisch-Gmünd, Frankfurt und auch in Breslau angefertigt.

Ausland. – Was die Produktion in einigen Ländern des übrigen Europa anbelangt, so wird in Morez (franz. Schweiz) billige Ware (Brillengläser) hergestellt; in Paris und Umgebung wird sowohl in Gläsern wie in Fassungen viel gearbeitet, in London bestehen hauptsächlich für Fassungen größere Fabriken.

Weitaus die größte Fabrik der Welt befindet sich in den Vereinigten Staaten von Nord-Amerika (Southbridge, Mass.), die American Optical Co., welche fast 2000 Arbeiter beschäftigt. In Rochester (New-York) beschäftigen Bausch & Lomb ca. 1300 Arbeiter, stellen aber fast nur Perspektive her. Durch Kalibrierung der Gläser und Fassungen und größere Einheitlichkeit ist Massenfabrikation, das Geheimnis so manchen Fortschrittes in Amerika, dort leichter geworden. Die übrigen Grossisten und die vielen kleinen Betriebe richten sich fast ausschließlich nur nach diesen beiden.

Mit Ausnahme einiger Spezialitäten (u. a. torische Gläser, deren Herstellung in Amerika noch patentiert ist) beziehen die Amerikaner so gut wie nichts aus Rathenow, da der Einfuhrzoll (40-60pCt. Der Werthes) zu hoch ist. Trotzdem werden Brillen entsprechend den Lohn- und Lebensverhältnissen wesentlich teurer drüben verkauft. Die amerikanische Brillenindustrie ist z. Zt. leider, wie allgemein anerkannt wird, entwickelter und leistungsfähiger als die europäische, hauptsächlich weil sie aus den angegebenen Gründen im Großen arbeitet.

Ehe auf die Schilderung der Fabrikation eingegangen werden soll, muß ich vorausschicken, daß die folgenden Angaben sich nahezu ausschließlich auf die Rathenower Industrie beziehen; in diesem und jenem Punkte dürfte die Fabrikation an anderen Orten und in anderen Fabriken kleine Abweichungen bieten, doch glaube ich, meine wiederholten Studienreisen auf diesen nahe gelegenen Ort um so mehr beschränken zu dürfen, weil die Rathenower Industrie wohl unbestritten die am meisten vorgeschrittene und leistungsfähigste von ganz Deutschland ist. Auch ist mir der Betrieb anderer kleinerer optischer Werkstätten schon zuvor bekannt gewesen.
Im Folgenden soll in erster Linie die eigentliche Fabrikation, der Großbetrieb, sodann die Kleinindustrie und schließlich die Tätigkeit des Optikers in Kürze besprochen werden.

Die Fabrikation zerfällt in die eigentliche optische, die Herstellung der Brillengläser, und in die mechanische, die Herstellung der Fassungen; an diese gliedert sich die Anfertigung der Nebenartikel, wie Etuis, Schnüre, etc., an, die jedoch begreiflicherweise hier nicht näher erörtert werden soll.

Fabrikation der Brillengläser.

Die vielen Prozesse, die ein Brillenglas durchlaufen muss, ehe es als gebrauchsfertig verpackt wird, drängen dem unbefangenen Beobachter die Ansicht auf, daß nur eine gewaltige Massenherstellung es ermöglichen kann, ein Brillenglas so billig zu liefern. Es wird mir im Folgendem nicht möglich sein, mit Rücksicht auf die wünschenswerte Kürze auf die kleineren Details der Fabrikation einzugehen, sondern ich werde nur die wichtigsten Gesichtspunkte hervorheben können.

Material der Gläser. – Während das sogenannte „optische“ Glas Präzisionszwecken dient – es stammt zumeist aus Jena (Glashütte Schott und Genossen), – werden Brillengläser fast ausschließlich aus anderem Material, aus Tafel- oder Spiegelglas hergestellt; Optiker nennen es häufig Rathenower „Kristallglas“. Das Glas ist ein doppelt geschmolzenes, völlig homogenes und farbloses Crownglas (Alkaliglas) mit dem Brechungsindex 1,5236 (absolut konstant dürfte derselbe übrigens nicht sein). Namentlich auf peinlichste Farblosigkeit wird besonderer Wert gelegt; billigere Gläsersorten anderer Herkunft weisen gewöhnlich Farbentöne, zumal grünliche, auf.

Dieses Glas wird in fertigen Täfelchen von 42 auf 32 mm Größe aus der Hütte in Freden (Hann., Deutsche Spiegelglas-Aktien-Ges., Freden, der ich für freundliche Beantwortung einiger Fragen Dank schulde) bezogen. Die Täfelchen sind oval, kreisrund oder quadratisch und verschieden stark. Fehlerhafte Stellen sind schon beim Ausschneiden in der Hütte ausgemerzt worden.

Ehe die Täfelchen zur Verwendung kommen und mittels Sortiermaschinen, die auf einfachste Weise die Dicke des Glases entsprechend der später zu verleihenden Schärfe austasten, rasch sortiert werden, muß jede Tafel auf etwaige Schlieren, Streifen, Blasen, etc. zuvor geprüft werden; im Gegensatz zu optischem Glas, bei dem seitlich gelegene Blasen keinen Eintrag tun, muss das Brillenglas unbedingt blasenrein sein.

Das Vorschleifen. – Der 1. Akt der eigentlichen Fabrikation besteht im Vorschleifen jener Täfelchen, was je nach der Schärfe des zu schleifenden Glases mehr oder weniger dauert; schwache Gläser sind auf beiden Seiten in einer halben Minute vorgeschliffen.

Vorschleifen von Gläsern
Vorschleifen von Brillengläsern

Das Vorschleifen erfolgt immer mit der Hand; eine Maschine kann hierin niemals das fein ausgebildete Gefühl der Finger ersetzen. Das Glas wird mittels Daumen und Zeigefinger beider Hände gegen die der Schärfe des Glases entsprechend, aber entgegengesetzt gekrümmte, schnell rotierende Schleifschale aus Gußeisen so lange fest aufgedrückt bis der Arbeiter am fehlenden Widerstand erkennt, dass das Glas die Krümmung der Schleifschale angenommen hat – eine sehr mühsame Beschäftigung. Darauf wir das Glas gedreht und die andere Fläche nach Bedarf ebenso vorgeschliffen.

Als Reibmaterial wird feuchter, verschieden feiner Sand verwendet, wie er in richtiger Güte in Havel gewonnen wird; dem Sand wird unter Umständen Feuersteinkorn beigegeben. Natürlich müssen die Schalen oft kontrolliert werden, ob die Krümmung noch richtig geblieben ist, was mittels „Lehren“ geschieht.

Das Glätten. – Der 2. Akt ist das Glätten der vorgeschliffenen Gläser. Dies geschieht mittels Schmirgelns auf größeren, graduierten und rasch rotierenden Schleifschalen, auf welche die Gläser gelegt werden. Damit sie haften bleiben, werden sie vorher auf Pech gebettet – übrigens geschieht dies auch bei manchen vorzuschleifenden Gläsern – und nun werden diese Pechklötze in Gruppen von 35 – 75 Stück auf die untere, vorher angewärmte Schale (Kittschale) in genau konzentrischen Kreisen gelegt; die zu glättende Fläche ist natürlich nach oben, der anderen Schleifschale zugekehrt, die dieselbe Krümmung zeigt wie die untere, nur im entgegengesetzten Sinne (z.B. konvex-konkav). Infolge des vom Erwärmten weich gewordenen Peches verteilt sich nun der Druck auf alle Gläser gleichmäßig.

Das Glätten von Gläsern
Das Glätten von Brillengläsern (Das Polieren geschieht mittels derselben Maschinen)

Die Prozedur des Glättens dauerte drei volle Stunden für die eine Seite allein, bis das Glas eine gleichmäßig feine Körnung angenommen hat. Das Glas ist jetzt „polierreif“ und sieht vom Schmirgel her grau aus.

Die einzelnen Spindeln (bis zu 14 werden von einem Arbeiter bedient) haben Schleifschalen, deren Querdurchmesser 35 cm beträgt und die naturgemäß größer sind als die Schalen zum Vorschleifen; diese Schleifschalen bestehen ebenfalls aus Eisen – für kleinere Gläser werden zuweilen, jedoch selten auch solche aus Messing genommen.

Das Polieren (3. Akt). – In derselben Weise und auf den nämlichen Schleifschalen, die jedoch mit einem oft erneuerten Filztuch belegt sind, wird das eben geglättete Glas wiederum drei Stunden lang mittels Pariser Rot (eigentlich ist dies Bayr. Polierrot aus Wunsiedel, ein Eisenoxyd) bearbeitet, poliert; hierbei kann sich, um die Entstehung von Streifen besser zu verhüten, auch die untere Schale ebenfalls bewegen, da so die Bewegung eine umfassendere ist.

Die eine Fläche des Glases ist nun fertig und hat die sogenannte Hochglanzpolitur angenommen.

Nachdem das Glas durch Kühlung in Wasser vom Pechklotz befreit wurde – das Glas springt dabei einfach vom Pech ab, – wird es nun umgekittet, d. h. die bereits polierte Fläche kommt ebenfalls auf einen Pechklotz, worauf die Prozedur des Glättens und Polierens sich in derselben Weise durch sechs Stunden hindurch wiederholt. Das hernach gesäuberte Glas ist damit im Rohen fertig.

Die Schleifschalen müssen auch beim Glätten und Polieren oft nachgeprüft und die bearbeiteten Gläsern auf Fehler ebenfalls kontrolliert werden. Die rohen Gläser werden, ehe sie zur Verpackung oder weiteren Verwendung kommen, auf Arbeitsfehler geprüft und eventuell, wenn es geht, einer nochmaligen Bearbeitung unterzogen.

Absolut tadelfreie Gläser kommen als Gläser I. Qualität zum Verkauf, die übrigen, sofern sie Fehler haben, als Gläser II. Qualität; diese Gläser zeigen kleine Ritzen, Bläschen, etc., die jedoch stellenweise so klein sind, daß mein ungeübtes Auge sie zum Teil überhaupt nicht entdecken konnte; andere haben allerdings ganz grobe Fehler. Gläser II. Qualität werden nicht zentriert.

Cylindergläser werden auf denselben sphärischen Schalen derart vorgeschliffen, dass durch geschicktes Bewegen in einer Richtung alleine eine ungefähr richtige Krümmung entsteht; die genaue wird erst später erteilt.

Prismen werden durch ungleichen Druck auf einer rotierenden, planen Schale gewissermaßen schief vorgeschliffen und erhalten ebenfalls erst später den genauen Winkel.

Plangläser werden genau so geglättet und poliert. Es ist jedoch außerordentlich schwer, einem Glase zwei absolut parallele Planflächen zu erteilen.

Matte Scheiben. – Ein mattes Glas durchläuft die gleichen Prozeduren wie jedes andere Glas; dann erst wird die eine Seite des fertigen Glases wieder geschmirgelt (geglättet). Diese matte Seite soll in der Fassung innen zu liegen kommen. Man hat oft die Gelegenheit, matte Scheiben zu sehen, die nicht recht undurchsichtig sind, weil sie ungenügend geschmirgelt worden sind; dieselben erfüllen daher nicht den Zweck.

Die Schleifschalen. – Sphärische Gläser werden von entsprechend geformten, in einander passenden sphärischen Schalen geglättet und poliert, cylindrische von cylindrisch geformten. Bei den letzteren bewegt sich die obere Schale nach 4 Richtungen, in der Hauptsache jedoch nur in der Richtung des Cylinders d. h. der Axe; natürlich wir die Axe erst später notiert. Bei der Herstellung von kombinierten Gläsern wird immer zuerst die cylindrische, dann die sphärische Seite geschliffen.

Betreffs der Schleifschalen ist zu betonen, daß es zwei grundverschiedene Serien gibt; die einen sind nach Dioptrien, die anderen nach Rheinl. Zoll gekrümmt. Zur Zeit werden die Gläser, falls nicht ausdrücklich anders bestellt, nach Dioptrien geschliffen. Da der Zoll fast in jedem Lande der Welt wieder eine andere Länge besitzt, so können bei den leider üblichen Umrechnungen oder bei ungenauen Bestellungen merkliche Irrtümer entstehen.

Im übrigen geben die Schleifschalen nur für eine bestimmte Sorte von Glas die beabsichtigte Wirkung; Glasarten von höherem Brechungsindex würden demnach eine schärfere Krümmung durch diese Schalen empfangen, so z. B. Isometropglas, Bariumsilikatglas oder Bergkristall, die daher eigene Schalen beanspruchen.

Das fertig vorgeschliffene Glas zeigt eine undurchsichtige, körnige Oberfläche, es sieht ungefähr wie ein grauer Kieselstein aus. Im übrigen sind die Gläser nur annähernd zentrisch vorgeschliffen; wird der Fehler, der in der Methode liegt, zu groß, so gibt es Gläser II. Qualität, doch handelt es sich nur um winzig kleine Abweichungen.

Muschelgläser.

Man unterscheidet zwei Arten von Muschelgläsern, geblasene oder ungeschliffene (zuweilen fälschlich auch gepresste genannt) und geschliffene. Es gibt auch sog. geschliffene Muschelgläser, bei denen jedoch nur die eine Seite geschliffen wird (in Süd-Deutschland).

Die ungeschliffenen Muschelgläser werden so hergestellt, daß das Glas zu einer größeren Kugel (Radius zwischen 75-100 mm) geblasen und dann in zwei Hälften zerschnitten wird; aus diesen werden dann die einzelnen Scheibengrößen gewonnen. Diese Art von Gläsern fertigt man in Rathenow überhaupt nicht an.

Bei der Herstellung der geschliffenen Muschelgläser wir das Glastäfelchen auf eine Muffel (etwa von der Form einer Austermuschel) gelegt und diese in Glühhitze gebracht, so daß sich das Glas allmählich in die Form hineinsenkt. Hierauf wird das Glas genau so wie jedes andere vorgeschliffen, geglättet und poliert.

Es liegt ohne Weiteres auf der Hand, daß nur ein geschliffenes Muschelglas den Ansprüchen genügen kann, die man an ein Brillenglas stellen muß. Das geblasene Muschelglas wird niemals fehlerfrei sein, sondern Blasen, Schlieren und ungleich dicke Stellen etc., aufweisen, was gewisse schwerwiegende Nachteile mit sich bringt. Es ist daher der reine Zufall, wenn diese Fehler so klein ausfallen, daß sie sich nicht jedem Laien in augenfälliger Größe bemerkbar machen. Trotz dieser Mängel ist es ein offenes Geheimnis, daß die weitaus größte Mehrzahl aller im Handel befindlichen Muschelgläser geblasene sind, obwohl die geschliffenen nur unwesentlich teurer sind.

Zentrierung und Facettierung der Gläser.

Die bisher geschilderten Prozeduren lieferten nur das rohe Brillenglas, in der Art wie es der Optiker in der Regel vom Fabrikanten bezieht; um das Glas jedoch zum Einsetzen in die Fassung gebrauchsfähig zu machen, muß das Glas die richtige Form und Größe erhalten und außerdem der rohe Rand durch eine Facette ersetzt werden.

Schleifapparat mit Schwungrad und WasserkastenFacettierung der Gläser
Links: Schleifapparat mit Schwungrad und Wasserkasten – Rechts: Facettierung der Gläser

Die ältere Methode, wie sie beim Einschleifen der Gläser wohl allgemein noch bei den Optikern üblich ist, besteht darin, daß die Größenschablone, in diesem Fall der Augenrand, einfach auf das rohe, in keiner Weise zentrierte Glas gelegt wird – schätzungsweise und da das Glas nicht zentriert war, zumeist fälschlicherweise Mitte auf Mitte; nun wird zuweilen mittels Ritzstahls die Grenze des Augenrands umzeichnet, zuweilen werden sogleich mit einer Zange (Bröckelzange) die überstehenden Ränder des Glases abgebröckelt. Unter fortgesetztem Abspülen mit Wasser schleift man danach die Facette auf einem Sandstein – diese Schleifsteine stammen zumeist aus Schweden oder Bornholm – ein; das nachfließende Wasser soll verhindern, daß das Glas Risse oder Schrammen von den Spänen bekommt, was jedoch nicht immer zu verhüten ist noch verhütet wird. Auch wird die Facette zuweilen mangelhaft angefertigt, d. h. es fehlen Stücke.

Die neueren Arbeitsmethoden der Fabrikanten unterscheiden sich vorteilhaft von der älteren dadurch, daß vor allem der optische Mittelpunkt des zu schneidenden Glases vor dem Schneiden ermittelt und fixiert wird; man sollte meinen, eine selbstverständliche Forderung. Leider pflegt dies auch nur bei Gläsern erster Qualität und kalibrierten Gläsern zu geschehen.

Zentrierung
Zentrierung am Zentrierapparat

Der höchst einfache Zentrierapparat funktioniert folgendermaßen: Der Arbeiter hält das Glas vor einem kreuzartigen Ausschnitt und betrachtet durch ein kleines Loch (Diopter) ein zweites gezeichnetes Kreuz, das sich auf der runden Scheibe in einer zu wechselnden Entfernung befindet; der vertikale und horizontale Anteil dieses Kreuzes, der nicht durch das Glas gesehen, ist seitlich verschoben, sofern der optische Mittelpunkt des Glases nicht auf den Kreuzungspunkt der beiden durch das Glas gesehenen Geraden fällt. Das Glas wird so lange gerückt, bis dies zutrifft, worauf der optische Mittelpunkt mit einer Füllfeder markiert wird. Die ganze Zentrierung eines Glases mit Einlegen der Gläser zum Trocknen erfordert kaum mehr als 15 Sekunden. An einem ähnlichen Apparat werden in derselben Weise auch die Axen der Cylinder markiert.

Ovalschneidemaschine
Ovalschneidemaschine

Das mit dem Tintenpunkt versehene Glas kommt dann behufs Ausschneidens der Größe auf die Mitte einer exzentrisch arbeitenden Ovalschneidemaschine, um gegen den Diamanten derselben herumgeführt zu werden. Kalibrierte Gläser werden gruppenweise durch automatisch arbeitende Facettiermaschinen auf die richtige Kalibergröße, Form und Facette hergestellt.

Amerikanische Schleifmaschine
Schleifmaschine (amerikanisches Modell)

Die Facetten werden entweder, wie eben geschildert, automatisch (flache Facetten) oder mit der Hand auf amerikanischen Karborundsteinen mit dem ihnen zukommenden Winkel angeschliffen. Flachrandige Gläser, die vorher auf Sandstein vorgearbeitet wurden, werden auch auf einem feiner gekörnten Stein französischen Ursprungs in ähnlicher Weise bearbeitet, doch macht dies fast nur der Kleinfabrikant. Die Nute der Nutengläser wird durch Einschleifen mittels einer im feinsten Schmirgel laufenden Kupferscheibe, neuerdings durch einen spitz zugedrehten kleinen Kaborundstein erzielt. Diese Nutenscheibe ist auch an manchen Schleifsteinen in optischen Werkstätten angebracht.

Die durchbohrten Gläser (Patentgläser) werden mit einer Diamantbohrmaschine von der einen, dann von der anderen Seite aus angebohrt und die Stelle mit einem Tropfen Terpentin zuvor bedeckt. Es gibt auch ähnliche Bohrmaschinen, die für den Handbetrieb eingerichtet sind.

Bohrmaschine
Bohrmaschine

Alle genannten Maschinen und Werkzeuge, große und kleine, werden elektrisch betrieben, sowie die meisten Werkzeuge zur Herstellung von Fassungen.

Fabrikation der Fassungen.

Im Großbetrieb ist nach amerikanischen Vorbild bei der Herstellung der Fassungen das Prinzip der Teilarbeit, wo nur angängig, durchgeführt; jeder einzelne Arbeiter hat jahraus jahrein das gleiche Pensum zu erledigen. Nur bei Gold- und Doublésachen sind die Arbeiter gelernte Leute, die jeder für sich die ganze Brille anzufertigen haben.

Aus dieser Arbeitsteilung geht notwendig hervor, daß jeder, auch noch so kleine Teil für sich hergestellt wird – fast immer geschieht dies maschinell – und erst dann die einzelnen Teile zusammengelötet bezw. an einander geschraubt werden. Je nach dem Material weichen natürlich die einzelnen Herstellungsarten wesentlich von einander ab. Stellen wir uns den Hergang bei einer Nickelbrille, dem häufigsten Material, in kurzen Zügen vor:

NutenbrilleDer weiche, verschieden dicke, runde Nickeldraht wird zuerst in die richtige Dicke gezogen und dann mit einer Nute (Rille) versehen, welche der Form der aufzunehmenden Glasfacette entspricht (der Draht für den Steg wird andererseits flach gewalzt). Dieser genutete Draht wird dann von einem Arbeiter möglichst dicht, wie ein Faden um eine Spule, um einen verschieden großen, z. B. 3 auf 4 cm, ovalen Kupferstab von ca. 80 cm Länge gewickelt; der Stab wird dann erhitzt und mit einem einzigen Längsschnitt durchschneidet eine Maschine sämtliche Windungen des Drahtes. Es springen damit jedesmal an die 300 gleich große, ovale Ringe, die künftigen Augenränder, ab.

Der Nasensteg, anfangs derselbe runde Draht, wird, wie oben erwähnt, in die gewünschte flachere Form gewalzt und erhält in gehärtetem Zustand an besonderen Maschinen die jeweilige spezielle Form; auch lässt er sich, solange der Nickel noch weicher ist, mittels einer Feile und Zange oder auch an kleineren Werkzeugen nach Wunsch biegen, nur dauert eine solche Prozedur unverhältnismäßig länger und wird nur im Kleinbetrieb ausgeführt.

Klötze, Backen, Charniere, Schräubchen, Plättchen, Häkchen, kurz, alle kleinere Teile werden an eigens konstruierten Fräs- und Stanzmaschinen hergestellt. Einen Begriff von der Leistungsfähigkeit solcher Werkzeuge erhält man, wenn man sieht, wie eine solche kleine Maschine fast ohne Bedienung 2000 Schräubchen in der Stunde liefert.

Die Federn werden durch sinnreiche Reduziermaschinen in der notwendigen Dicke gehärtet, Chanierteile an Hämmermaschinen geformt. Auch das Spinnen der Federn übernehmen automatische Spinnmaschinen, die nach Art der auch in anderen Industrien üblichen Apparate arbeiten.

Dann werden die einzelnen Teile von besonderen Arbeitern zusammengelötet. Erst nachdem die ganze Brille im Rohen fertig gestellt ist, wird sie unter Zuhilfenahme von Trippel geschliffen und zum Schluß erhält sie durch Polieren mit Polierrot an rotierenden Filzscheiben den schönen Glanz.

Schildpatt, Gold und die anderen Materialien werden natürlich in vielen Punkten abweichend behandelt.

Wie man aus dieser kurzen Schilderung ersieht, erfordert die Massenherstellung von Gläsern und Fassungen, die allein in Betracht kommt, sofern die Produktion sich lohnen soll, einen gewaltigen Apparat an Maschinen. An einer Fabrik, die ich eingehend besichtigte, sind alleine 35 Motoren und Dynamomaschinen tätig, deren Kraft eine Dampfmaschine von 250 HP liefert.

Verbreitung der bifokalen Gläser.

Bifokale GläserIn Deutschland wird im Gegensatz zu Amerika leider nur selten der Versuch gemacht, diese Gläser zu empfehlen oder einzuführen. Der Deutsche ist mehr konservativer Natur, er hat es auch nicht so eilig wie der Amerikaner, darum zieht er einen Leseklemmer oder eine zweite Lesebrille in solchen Fällen vor. In Amerika jedoch sind bifokale Gläser nichts Ungewöhnliches.

Den amerikanischen Augenärzten gelingt es nämlich weit leichter, ihre Patienten von der Notwendigkeit bezw. Annehmlichkeit zu überzeugen, auch geringere Grade von Hypermetropie (Hypermetropie scheint drüben an sich häufiger sein als hier) und Astigmatismus dauernd auskorrigieren zu lassen; auch sind dort die Laien der Ansicht, daß man im Kampf ums Dasein gar nicht gut genug sehen kann. Daher der Wunsch, selbst Fehler von ¼ oder 1/8 D. durch Gläser sich bessern zu lassen – eine Sucht, die man bereits mit dem Ausdruck „Americanitis“ bespöttelt hat. In Deutschland fällt man dagegen in das andere Extrem; das Publikum bequemt sich hier erst dann zu einer Brille, wenn die „Sehleistung“ (die Sehkraft des unbewaffneten Auges) um ein Drittel, ½ oder noch mehr abgenommen hat; wegen Hypermetropie oder eines astigmatismus unter 1½ D. trägt hier seltener jemand dauernd ein Glas. Daher ist es auch erklärlich, daß ältere Leute in Deutschland meistens mit der Nahbrille alleine auskommen – beim Fernsehen sind sie eben genügsamer und anderer Denkungsart als der Amerikaner.

Herstellung der Farben. – Außer dem weißen Milchglas, das zu Brillen sehr selten mehr Verwendung findet, kommen matte Gläser, schwarze Gläser und alle Abstufungen zwischen Schwarz und Weiß, d. h. rauchgraue Gläser, vor; außerdem werden Gläser in jeder Farbe des Spektrums und jedem Farbton hergestellt.

Was die chemische Zubereitung der einzelnen Farben anbelangt, so gibt folgende Tabelle Aufschluß über die Zusätze zur Glasmasse:

Rot Kupferoxydul oder Goldchlorid
Orange Eisensesquioxyd
Gelb Antimonsaures Kali
Gelbgrünl. Uranoxyd
Grün Chromoxyd
Blau Kobaltoxyd
Violett Kobaltoxyd und Manganoxyd
Rauchgrau Manganoxyd, Kobaltoxyd, Eisenoxydul, Kupferoxydul
Schwarz Dasselbe wie bei Grau nur in größeren Mengen

Wirkungsweise. – Ueber die Wirkung monochromen Lichts auf die Netzhaut liegen nur für Kaltblüter und Vögel Untersuchungen vor, die ergeben haben, daß blaues Licht die Pigmentwanderung nur mäßig, die Kontraktion der Stäbchen und Zapfen am wenigsten anregt, was übrigens auch bestritten wird.

Zweck der farbigen Gläser. – Früher glaubte man vielfach an eine direkt heilende Kraft des farbigen Lichts (Chromotherapie), so daß je nach der Anschauung des Behandelnden die entsprechende reizende Lichtdiät verordnet wurde (Böhm, Gerold, Galezowsky, magnus, u.a.). Ein Autor (Delboef) heilte sogar seine Farbenblindheit durch Fuchsingläser! Fränkel gab Rotgrünblinden zwei planparallele Gläser, zwischen welchen sich mit Anilinpurpur gefärbte Gelatine befand. Gegen Erkrankung der macula wird noch heute von manchem (wie s Zt. von Böhm) besonders die blaue Farbe empfohlen.

Welche Farbe gewählt werden soll, ist schwer zu entscheiden, so lange einwandsfreie Resultate in dieser Hinsicht nicht bekannt sind; viele Augenärzte verhalten sich überhaupt bezüglich des Nutzens farbiger Gläser mehr oder weniger skeptisch, andere Aerzte wiederum verordnen bei allen möglichen Störungen blaue oder sonstige Gläser; früher war dies wohl noch mehr Sitte.

Weitere historische Abbildungen aus „Theorie und Praxis der Augengläser“ (1904)

Gewöhnlicher K Steg Englischer Steg
Rechts: Gewöhnlicher K-Steg – Links: Englischer Steg

W Steg innen aussen gekröpft R-Steg
Rechts: W-Steg innen aussen gekröpft – Links: R-Steg

Englischer Steg Englischer C-Steg
Rechts: Links: Englischer Steg – Links: Englischer C-Steg

Brillenformen um 1900
Brillenformen um 1900

Klemmerformen Glasklemmer
Klemmerformen

Glasklemmer nach Dr. Ribard Libellenklemmer
Rechts: Glasklemmer nach Dr. Ribard – Links: Libellenklemmer

Kommentar zum antiquarischen Werk „Theorie und Praxis der Augengläser“

Gut strukturiert aufgebaut ermöglicht das im Jahr 1904 veröffentlichte Büchlein „Theorie und Praxis der Augengläser“ einen guten Einblick über die Anfertigung von Sehhilfen um 1900. Viele Fertigungsprozesse wie das Vorschleifen der Linsen wurde noch händisch durchgeführt. Einer Maschine traute man diese diffizile Arbeit nicht zu. Trotzdem schritt die Industrialisierung in der Augenoptik unaufhörlich voran. Beim Lesen in Dr. Oppenheimers antiquarischer Publikation wird einem der damalige, horrende Aufwand für die Anfertigung einer Brille verdeutlicht.

Im historischen Teil finden sich einige Vermutungen, die aus heutiger Sicht falsch waren. Das Büchlein trägt in einigen Passagen sogar die Handschrift eines berufspolitisch agierenden Augenarztes. So warnte Oppenheimer seine Kollegen vor dem „selbstständigen Ordinieren“ der Optiker. Es würden laut Oppenheimer die Optiker nur schwer in der Lage sein die Kunst Krankheiten zu erkennen zu lernen. Oppenheimer ging vor über 100 Jahren offensichtlich noch davon aus, dass Brillenträger in der Regel krank wären und deshalb zwingend vor dem Brillenkauf zum extra honorierenden Arzt gehen müssten. Die Geschichte hat Gott sei Dank gezeigt, dass Brillenträger nicht mehr Krankheiten entwickeln als Nichtbrillenträger. Im Nachbarland Deutschland verordnen aktuell cirka 70 Prozent der Brillen die Augenoptiker und die restlichen 30 Prozent der Brillen die Augenärzte. Die Brillenträger entwickeln in beiden Gruppen gleich viel oder wenig Augenkrankheiten.

Die Geschichte der Brille aus der Perspektive von 1904

Allesamt in Gräbern der Juden, Babylonier, Griechen und Römer gefundenen Glaslinsen dienten aus heutiger Erkenntnis zur Zierde von Schwertern, Kelchen und Kleidungsstücken. Keineswegs wurde – wie auch in anderen Publikationen geäußert – deren vergrößernde Wirkung genutzt. Dies wird unter anderem dadurch untermauert, dass diese frühen Linsen mittig Löcher aufwiesen um sie gut an Gürteln oder Schwertern befestigen zu können. Die frühesten gefundenen Glaslinsen, die eine vergrößernde Wirkung aufwiesen und wahrscheinlich auch dafür verwendet wurden, stammten aus Wikingergräbern in Visby / Schwedisch Gotland. In den Gräbern der Wikinger aus dem 10. Jahrhundert fanden sich diese gläsernen Beutestücke. Die Wikinger waren mit ziemlicher Sicherheit nicht die Erbauer dieser Vergrößerungslinsen. Eine These vermutet, dass die Linsen aus dem arabischen Raum stammen könnten. Jedenfalls irrte Oppenheimer in der Annahme, dass Babylonier oder Einwohner von Pompeji Vergrößerungsgläser benutzt hätten.

Sowohl der Anspruch der Deutschen als auch der Chinesen auf die Erfindung der Brille zeigt die Größe dieser schöpferischen Leistung. Der Autor dieses Kommentars vermutet die Erfindung von Lesesteinen um das 10. Jahrhundert im arabischen Raum. Die theoretischen Überlegungen wurden zu dieser Zeit ja bereits vom genialen Gelehrten Ibn al-Haitham geliefert. Um 1240 übersetzte Erazm Golek Vitello (1220-1280) Ibn al-Haitham’s „Kitab-al-Manazir“ ins Lateinische und brachte wohl handwerklich begabte Mönche auf die Idee eine überhalbkugelige Plankonvexlinse – den Lesestein anzufertigen.

Der aus Oxford stammende Franziskanermönch Roger Bacon (1214-1294) beschrieb 1267 in seinem „Opus majus“ den Lesestein, suchte nach einer wissenschaftlichen Erklärung und führte optische Verbesserung desselben durch. Ein halbes Jahrhundert später (1352) taucht die erste Brillen mit zwei Augengläsern auf einem Fresko in Treviso auf.

Ein häufiger Irrtum in der Geschichte der Brille ist der Hinweis auf den Grabstein vom Florentiner Salvino degli Armati (1285). Er enthält ein Lob auf dessen Erfindung der Brille. Diese Inschrift hat sich in den Jahrzehnten nach Oppenheimers Schrift als Fälschung erwiesen. Die Florientiner wollten mit dem Trick ganz einfach Ruhm beanspruchen, der ihnen nicht gebührte.

Die Erfindung der Brille – mit zwei Augenringen – dürfte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit im 13. Jahrhundert aus dem Raum Norditalien stammen. Die Annahme wie aus Alexander von Humboldt’s Kosmos zitiert, dass ebenfalls im 13. Jahrhundert auch in Deutschland Brillen entstanden wären ist nach heutigem Wissen nicht mehr haltbar.

Die Brillenindustrie um 1900

Oppenheimers Büchlein gibt gute Einblicke in die Brillenfertigung vor 100 Jahren. Er beschreibt vornehmlich Fabriken in Rathenow, der Wiege der Augenoptik. Um 1900 wurden die meisten Linsen bereits nach Dioptrienwerten geschliffen. Trotzdem gab es in Rathenow auch noch eine Fertigung von Linsen nach Rheinländischen Zoll. Da aber der Zoll in fast jedem Land der Welt eine andere Länge besaß, entstanden bei den üblichen Umrechnungen oder bei ungenauen Bestellungen merkliche Irrtümer. Das Durchsetzen der Angabe nach Dioptrien schuf um 1900 – zumindest in Europa – eine Normierung.

Trotz all der Industrialisierung waren viele Brillengläser zur Jahrhundertwende noch geblasene Muschelgläser. Diese minderwertige Form war deutlich billiger als komplett geschliffene Brillengläser. Die Träger dieser billigeren Gläser mussten eben Bläschen und Schlieren akzeptieren.

Auch gab es einen Qualitätsunterschied betreffend des Glasdurchmessers und der Zentrierung. Sogenannte kalibrierte Gläser hatten einen fix vorgegebenen Glasdurchmesser und entsprachen der ersten Qualität. Diese Gläser durften keine Einschlüsse, Schlieren oder andere Inhomogenitäten aufweisen. Zudem war auf diesen Qualitätsgläser der optische Mittelpunkt angezeichnet, was eine genaue Zentrierung durch den Augenoptiker in der Fassung ermöglichte.

Die Verbreitung bifokaler Gläser um 1900

Um 1900 waren Mehrstärkengläser noch nicht oft im Alltag sichtbar. Die Argumentation Oppenheimer’s beweist, dass Deutsche eben die gemütlicheren Menschen waren!


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